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TEXTE
Texte von Reuter
Zu meinen Bildern (1971)
Documenta-Raumobjekt (1977)
Zum Studium der Kunst (1990)
Zum Quadrat (1990)
Licht (1994)
Bilder im Museum (1995)
Von Hölderlin zu
Malewitsch (2004)
KAISERBLAU (2010)
Weitere Texte
Trompe l’oeil (2012)
Erscheinung in
Sigmaringen (2008)
Gebet und Raum (2003)
Raumstationen I - VI (2010)
ERSCHEINUNG in Sigmaringen


Als ich heute Morgen den Schneesturm wahrnahm und darauf die Schneeverwehungen vor meinem Haus in Lauf bei Nürnberg betrachtete, dachte ich bei mir, „bei diesem Bild ist aber auch nichts mit normalen Maßstäben zu messen, selbst die Fahrt nach Sigmaringen, die ich feast vorhatte, wird durch einen Schneesturm am Karfreitag verhindert!“

Anstatt meiner freien Rede, die ich gerne vor Ihnen gehalten hätte , versuche ich jetzt einen „Freien Text“ zu schreiben, der verlesen werden kann.

Sicher könnte ich über das Bild, das vor Ihnen hängt, kunstphilosophisch und vor allem wahrnehmungstheoretisch reden, was aber nur einer Seite der ERSCHEINUNG, die Sie ja vor sich sehen, entsprechen würde. Hans Sedlmayr sagte, dass moderne Kunstwerke, die keine kultische Funktion haben, keine Kunstwerkeseien, sondern bestenfalls „ästhetische Objekte“. Ich glaube, dass mein Bild, auch im Sinne Sedlmayrs, beides ist, sowohl ein hochästhetisches Objekt im Bereich der Malerei, als auch ein kultischesObjekt im Bereich der Kirche.

Sicher werde ich dieser Arbeit am besten gerecht, wenn ich versuche, in so wenigen Worten, wie möglich, von ihrer, für meine Verhältnisse, höchst ungewöhnlichen Entstehung zu erzählen. Ich hatte Jürgen Knubben, vor etwa zwei Jahren versprochen, am Karfreitag 2007 die fünfzehnte Rottweiler Künstler-Kreuzverhüllung zu übernehmen. Jürgen Knubben ist der Bruder von Werner Knubben, der sich darum bemüht hat, dass mein Bild ERSCHEINUNG 7/4/2 jetzt hier in der Kirche St. Fidelis vor Ihnen hängt. Er hat die ganze Organisation übernommen und angeregt, dass ich noch zusätzlich ein ultramarines Kreuzverhüllungstuch für den neben dem Altar stehenden Kruzifixus realisiert habe.

Ich ging damals in Rottweil von einer sehr schönen, aber kleinen Kirche, der Kapellenkirche, aus, die neben dem Forum Kunst liegt. Ich dachte in dieser Kirche mit einem vertretbarem Aufwand eine Arbeit für einen Tag realisieren zu können, die in ihrer Größe mit dem dortigen Raum gut korrespondieren würde. Erst nachdem ich zugesagt hatte, bemerkte ich, dass das deutlich größere Münster in Rottweil gemeint war. Und erst Anfang März 2007, also einen Monat vor Karfreitag, konnte ich mir diesen Kirchenbau zum ersten Mal ansehen und bekam einen gewaltigen Schreck, auf welche Dimension ich mich da eingelassen hatte.

Allein der Chorbogen, in den ich meine Arbeit hängen wollte, ist 18 Meter hoch und 8 Meter breit. Im Chor selbst steht ein über drei Meter hohes Kreuz von Veith Stoß, das es zu Verhüllen galt. Alles war sehr viel größer, als ich es mir auf Grund von Fotos vorgestellt hatte.

Mein erstes Konzept war, ein eher sphärisches, im tiefen Blau schwebendes, ultramarinblaues Kreuz zu malen, das wie ein Ufo auf den Betrachter zuschwebt und durch eine dahinter liegende Lichtquelle an den Rändern überstrahlt wird. Mit so einer Idee hatte ich mich schon 20 Jahre vorher erfolglos herum geschlagen. Auch dieses Mal kam ich leider nicht sehr weit, da alle Entwürfe viel zu realistisch aussahen, viel zu sehr dem großen Dali-Kreuz-Bild in Köln ähnelten und letztendlich wie angewandte Sakralkunst aussahen. So lange meine Entwürfe in meinem Kopf waren, hatten sie etwas sphärisch-jenseitiges an sich, sobald ich jedoch versuchte, sie aufs Papier zu bringen, wurden sie unangenehm realistisch-diesseitig.

Es war, als wären die Ideen und Entwürfe vom Himmel der Gedanken auf die Erde des Handelns herabgestiegen und hätten dabei auf ihrem Weg von der Vision zur Realität an Zauber ab- und an Banalität zugenommen. Ich wollte aber unbedingt etwas Jenseitiges im Diesseits malen, eine Vision, eine Erscheinung, die keinen realen Körper mit festen Konturen haben sollte, deren Gestalt also nicht aus einer definierten Form, sondern vielmehr aus reiner Farbe entstehen sollte. Es sollte eine Licht-Erscheinung werden, eine Art von Astralleib und das gemalte Bild sollte dabei kein Abbild der Licht-Erscheinung werden, sondern die ERSCHEINUNG selbst.

Die Zeit für die Realisierung wurde immer knapper, und nachdem ich die Dimensionen in der Realität gesehen hatte, bekam ich eine heftige Panikattacke. Absagen kam nicht in Frage, aber da ich noch nicht einmal genau wusste, was ich malen wollte, wurde die Ausführung immer unwahrscheinlicher. Ich wurde nun richtig nervös und bekam zu allem Überfluß eine Grippe mit bis zu 40,8 Fieber und geradezu halluzinatorischen Fieberträumen.

Zu meiner Verblüffung tauchte in meinen Träumen immer wieder ein Kreuznachbild in Form einer Lichterscheinung auf, von der ich den Eindruck hatte, sie sei von der Substanz her etwas ähnliches, wie das Schweißtuch der Veronica. Nur, daß in meinem Falle das Veith-Stoß-Kreuz auf übernatürlichem Wege sein Abbildauf der Leinwand hinterlassen hatte, ähnlich, wie dies bei dem originalen Tuch mit dem Antlitz Jesu geschehen war. Man nennt dies ja auch „Vera Icon“. (Der Name „Veronica“ scheint offensichtlich genau daher abgeleitet zu sein).

Also hatte ich in meinen Fieberträumen die Lösung gefunden, wie ich mit meiner Version der Verhüllung des Kreuzes dessen wahres Bild (Vera Icon), also dessen „wirklicheErscheinung“ hinter seiner realen Existenzzum Vorschein bringen könnte. Nun gab es nur noch das kleine Problem, wie und worauf ich diese Erscheinung in der Kürze der Zeit in einer adäquaten Größe malen wollte, bzw. konnte.

Ich habe inzwischen das Gefühl, daß ich in diesem Falle wirklich von einer höheren Macht geleitet wurde. Ich nahm meinen Traum wörtlich und klebte zwölf 150 x 150 cm große Leinwandstücke zusammen, so daß sich eine 6 Meter hohe und 4,5 Meter breite Leinwand ergab. Diese wurde von mir ganz alleine in Tag- und Nachtarbeit mit einem Aquarellpinsel der Größe 8 auf den Knien gemalt. Das hört sich recht lapidar an, war aber ein völlig irrsinniger Vorgang.

Ursprünglich hatte ich vor, diese Arbeit dazu zu benutzen, endlich einmal mein Ultramarin mit einer Malerquaste spontan und „locker vom Hocker“ auf die Leinwand zu fetzen, was ja auch der Größe und dem einen Tag, an dem die Leinwand nur gezeigt werden sollte, entsprochen hätte. Auch litt ich noch von meiner Arbeit PIEROS GEHEIMNIS her, die ich ein Jahr zuvor in der Kirche St. Elisabeth in Nürnberg realisiert hatte, an einer Sehnenscheidenentzündung, die offensichtlich chronisch geworden war. Ich hatte also nur die Hoffnung, eine solch große Leinwand bewältigen zu können, wenn alles sehr locker und vor allem ungewöhnlich schnell vonstatten ginge.

Ähnlich wie bei dem Bildtitel von Siegmar Polke „Höhere Mächte befahlen: Obere rechte Ecke schwarz malen!“ hatte das Bild, oder eben die „höhere Macht“, etwas dagegen, dass es „locker vom Hocker“ ging. Das Bild zwang mich zu einer Demutsgeste. Es ging nicht anders. Ich mußte auf die Knie und wie bei einer Bittprozession hunderte von Male „malend“ um die Kreuzerscheinung, die sich dabei langsam auf der Leinwand manifestierte, herumkriechen. Alles unter dem Druck, daß die Zeit nicht reicht, mir die vorher gemischten Farbstufen ausgehen, oder mich meine Sehnenscheidenentzündung, das nur langsam abnehmende Fieber, oder der kurz nach der Grippeeinsetzende Keuchhusten zur Aufgabe zwingen würden. Auch stellten meine Knie, obwohl ich sie durch eine Spezialkonstruktion mit aufgepolsterten Knieschützern, wie sie z.B. von Fliesenlegern benutzt werden, zu schonen versuchte, langsam aber sicher ihren Dienst ein und schmerzten unerträglich.

Ich wurde einige Minuten vor dem Abholungstermin fertig. Wir falteten die Leinwand an den Klebestellen (für meine Verhältnisse brutal ) zu einem 1,5 x 1,5 Meter großen, recht dicken Paket zusammen, und transportierten es nach Rottweil. Dort tackerten wir die wieder aufgefaltete Leinwand am Gründonnerstagabend auf eine fünf Meter lange Latte und zogen die Arbeit auf etwa 9 Meter Höhe vor den neutralen Vorhang hoch.

Diesen Vorgang und die Präsentation am Karfreitag brauche ich nicht zu beschreiben, da Sie das Ergebnis des annähernd gleichen Vorganges vor Augen haben. Da ich die Arbeit vor der hiesigen Installation noch einmal völlig auseinander genommen, neu verklebt und mit einer für das Kunstwerk schonenderen Aufhängungsvorrichtung versehen habe, erinnerte ich mich wieder sehr gut an die damalige Situation.

Ich habe in meinem Leben als Maler noch nie einen solch jenseitigen Vorgang erlebt.

Meine Sehnenscheidenentzündung, mit der ich mich vorher ein ganzes Jahr gequält hatte, ist mit dieser Arbeit verschwunden und auch nicht wieder aufgetaucht.

Pathetische Sätze sind mir unangenehm. Trotzdem will ich hier ganz ungeschützt und offen sagen:
Ich glaube, bei diesem Bild hat Gott mich an die Hand genommen.


Lauf, im März 2008


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