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TEXTE
Texte von Reuter
Zu meinen Bildern (1971)
Documenta-Raumobjekt (1977)
Zum Studium der Kunst (1990)
Zum Quadrat (1990)
Licht (1994)
Bilder im Museum (1995)
Von Hölderlin zu
Malewitsch (2004)
KAISERBLAU (2010)
Weitere Texte
Trompe l’oeil (2012)
Erscheinung in
Sigmaringen (2008)
Gebet und Raum (2003)
Raumstationen I - VI (2010)
Von Hölderlin zu Malewitsch


Irgendwann im Sommer 2001 ging es mir ausnahmsweise mal richtig gut und ich hatte die Muse, viele Bildentwürfe ins Blaue hinein zu machen. Zu normalen Zeiten kann ich mich noch so bemühen, ich bekomme einfach keinen neuen, mich überzeugenden Bildentwurf zustande. Dann und wann kommt es jedoch vor, daß ich gar nicht schnell genug skizzieren kann, um alle Ideen festzuhalten, die vor meinem inneren Auge vorbeihuschen. Viele blitzen in solch glücklichen Zeiten unvermittelt auf und sind, bis ich Bleistift und Papier zur Hand habe, schon wieder verschwunden. Entweder werden diese Ideen in der Zwischenzeit so unklar, dass ich sie zeichnerisch nicht mehr zu fassen bekomme, oder sie werden von anderen, nachdrängenden Einfällen überlagert. Die Frustration darüber hält sich jedoch unter diesen günstigen Umständen in Grenzen, da ich jedes mal mehr Bildideen einfange, als ich mit meiner Malweise bis zum nächsten Ideenschub als Bilder realisieren kann.

In einer solchen Phase tauchten damals unvermittelt eigenartige Flächen auf, deren Verteilung auf der Bildebene mich in eine ziemlich euphorische Stimmung versetzte. Teilweise schoben sich die trapezförmigen Flächen wie ein verrutschter Bretterstapel übereinander, teilweise schwebten verschiedene Rechtecke in einem undefinierten Bildraum. Die verschiedenen Varianten zu zeichnen machte mir richtig Freude und ich hatte das Gefühl, etwas für mich ganz Neues entdeckt zu haben. Ich zeichnete wild drauf los und es entstand eine Serie von Buntstiftzeichnungen (FLIR I – IV, 2001, Buntstift / Papier, je 29,8 x 21 cm, mit zahlreichen Varianten).

Die Umsetzung in größere Bilder war wegen der Vorbereitungen für KAISERBLAU in Berlin nicht möglich. Es reichte nur zu den kleinen FLIR 1/9/1 und 1/9/2 (jeweils 19 x 14 cm), die von vornherein als BLAUGOLD gedacht waren, dadurch zu einem Bildobjekt wurden und den Namen MERIAN erhielten. Ich musste mich damals um die Logistik für den Kaisersaal im Reichstagspräsidentenpalais kümmern (Herstellung von 8000 Objekten, sowie Planung, Entwürfe, usw.) und konnte mir dadurch immer nur spät am Abend meine winzigen Arbeiten ansehen. Ich war von meiner neuen Errungenschaft begeistert!

Irgendwann bemerkte ich, dass mir das freudige Spielen und Verschieben von Flächen auf der Bildebene seltsam bekannt vorkam. Schritt für Schritt wurde mir allmählich bewusst, dass meine Neuentdeckung ein ziemlich altes malerisches Problem von mir war, bzw. eines, mit dem ich mich 45 Jahre vorher, am Beginn meiner Malerkarriere und auch danach in meinem Studium, herumgeschlagen hatte. Es resultierte aus dem damals herrschenden Dogma der Ungegenständlichkeit und Flächigkeit im Bild und meiner Unfähigkeit oder auch Unwilligkeit, es zu erfüllen. Ich konnte und ich wollte nie unräumlich, d.h. unillusionistisch malen. Daher malte ich schon in den Fünfziger Jahren „Flächen im Raum“. Die Abkürzung dieses 45 Jahre alten Titels ergab FLIR.

Im Studium wurde ich immer zur Fläche bzw. zur flächigen, unräumlichen Malerei gedrängt. Es wurde mir auch empfohlen, ich solle doch, bei meiner Liebe zum Raum, Bildhauer werden. Durch solche Hinweise und Empfehlungen wurde mir damals klar, dass mich der reale Raum weniger interessierte, als der fiktive, d.h. für mich war die Illusion der Realität im gleichen Maße überlegen, wie für mich ein Film der Wirklichkeit überlegen war. Wenn ich wissen will, wie die Rückseite einer Plastik aussieht, brauche ich nur um sie herum zu gehen, dann weiß ich es. Wenn ich wissen will, wie die Räume in meinen Bildern weitergehen oder wie es auf der Rückseite eines Pfeilers aussieht, so muss ich und auch der Betrachter die Lösung selbst erfinden. Ich bin auch für die Richtigkeit und Plausibilität dieser selbst erfundenen Lösung zuständig.

Schon damals (ca. 1966) war mir klar, dass ich nie ein gegenstandsloser, konstruktiv-konkreter Flächenmaler werden würde. Andererseits wollte ich aber auch kein „Kritischer Realist” werden. Dafür liebte ich Malewitsch und Mondrian viel zu sehr. Außerdem hat mir Flächen, Dreiecke und Quadrate in der Gegend herum zu schieben schon als Kind eine Riesenfreude gemacht. In diesem Stadium meiner malerischen Entwicklung beeindruckten mich die Bilder von Vordemberge-Gildewart aus den Vierziger und Fünfziger Jahren am meisten, da ich das Gefühl hatte, dass seine Farbflächen in einem hellen Bildraum schweben würden. Ich malte damals einige Vordemberge-Ersatz-Bilder, von denen ich noch eines besitze.

Als ich auf die Suche nach diesem Bild („Konstruktiver Versuch I”) ging, fielen mir noch zwei andere Bilder in die Hände, die für dieses Thema relevant sind.

„Flächen im Raum” und „Konstruktives Fenster”. Es gibt noch einige weitere Bilder aus dieser Zeit, die ebenfalls für diesen Aspekt meiner Arbeit interessant wären, sie sind aber derzeit im Chaos meines Ateliers verschwunden.

Das hier Beschriebene wurde mir erst nach und nach bewusst und desillusionierte mich doch sehr. Ich hatte also nichts Neues erfunden, sondern war im Alter von 60 Jahren wieder dort gelandet, wo ich mit 15 Jahren angefangen hatte. Ich erinnerte mich an das Gedicht „Lebenslauf” von Hölderlin, in dem es heißt „Doch es kehret umsonst nicht unser Bogen, woher er kommt”. Ich habe mir, wie beschrieben, meine alten Bilder zu diesem Thema herausgesucht und die Enttäuschung über meine nur vermeintliche Neuentdeckung zu einem positiven Titel umgewandelt. Um das Wesen der Bilder stärker in den Titel zu übertragen fügte ich an FLIR ein zweites R an und daran noch den Namen Hölderlin, weil ich sowohl in der Kunst, als auch in anderen Bereichen bemerkt habe, dass mein Interesse am eigenen Lebenslauf deutlich zugenommen hat. Die Erinnerungen an Jugenderlebnisse drängen sich auch bei mir immer häufiger in den Vordergrund und führen zu einer völlig anderen Art der Selbstreflexion, als ich sie bisher von mir gewohnt war.

Inzwischen sehe ich die FLIRR HÖLDERLINs etwas klarer und ich kann gewisse Gruppen oder Linien entdecken, wobei sich manches Neue mit Altem verbunden hat. Es gibt inzwischen neben den FLIRR auch KIRR- (Körper im Raum) und WIRR-Bilder (Würfel im Raum). Auch füge ich inzwischen MONDRIAN, LISSITZKY, TATLIN oder VORDEMBERGE hinzu, je nachdem ob ich das Gefühl habe, daß sich das jeweilige Bild dem einen oder anderen dieser außergewöhnlichen Maler nähert. Wenn ich meiner Liebe zu Kunstworten und Abkürzungen weiter nachgeben würde, so könnte ich meine derzeitige Malerei als KOKOILL, d.h. Konstruktiv-Konkrete-Illusion bezeichnen. Das wäre dann eine Kunstrichtung, für die ich vor einigen Jahrzehnten noch gesteinigt worden wäre.

Lauf, 17. Mai 2004


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