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TEXTE
Texte von Reuter
Zu meinen Bildern (1971)
Documenta-Raumobjekt (1977)
Zum Studium der Kunst (1990)
Zum Quadrat (1990)
Licht (1994)
Bilder im Museum (1995)
Von Hölderlin zu
Malewitsch (2004)
KAISERBLAU (2010)
Weitere Texte
Trompe l’oeil (2012)
Erscheinung in
Sigmaringen (2008)
Gebet und Raum (2003)
Raumstationen I - VI (2010)
Licht


Seit 25 Jahren beschäftige ich mich in meinen Bildern mit den Erscheinungsformen von Licht. Die Bildtitel haben sich mit den Jahren von ‘Stadtbad ohne DING’ in ‘Licht-Raum’ verändert. Einige Ausstellungen hatten den Untertitel LICHT-RAUM-STRUKTUR. Hierbei sind nicht nur die Bindestriche bewußt gesetzt, auch der Begriff LICHT steht nicht zufällig an erster Stelle.

Ich kann inzwischen zum Phänomen Licht sagen: Ich weiß wenig darüber, habe aber eine Ahnung davon.

Die physikalische Erklärung des Lichts interessiert mich wenig und die Tatsache, daß es sich hier um Wellen handelt, ist für mein Verhältnis zum Licht nicht besonders wichtig. Interessant finde ich, daß man Licht eigentlich nicht sieht. Hätte ich der Erschaffung desselben durch den Satz „Es werde Licht“ beiwohnen können, hätte ich solange nicht feststellen können, ob dies nun vom Universum befolgt wurde oder nicht, wie sonst (noch) nichts da gewesen wäre, auf das Licht hätte fallen können.

Erst die Erschaffung von Körpern brachte es ans Licht, ob Licht da war oder nicht.

Wir sehen also nur die Folgen von Licht. Trotzdem glaube ich immer wieder, Licht direkt sehen zu können. Als Lichtstrahlen am Himmel oder zwischen Räumen, in Form eines Sonnenuntergangs oder schlicht beim nächtlichen Autofahren mit Fernlicht meine ich, das Licht mit Händen greifen zu können. In diesen ergreifenden Momenten gibt es dann aber meistens einen schlauen Menschen, der einem jede Illusion nimmt, indem er einem aufklärt, daß man gerade einer aufgesessen sei. Man hat kein Licht gesehen, sondern von ihm beleuchtete Staubpartikel, Wasserdampf oder auf andere Weise fein verteiltes Wasser in der Luft. Mit diesem Wissen versauen einem solche Menschen den schönsten Regenbogen.

Obwohl wir also das Licht anscheinend nicht sehen können, können wir davon ausgehen, daß es da ist, solange wir überhaupt etwas sehen. Sehen wir nichts mehr, ist es stockdunkel und somit kein Licht mehr vorhanden.

Daß das Licht, das wir selbst bei Helligkeit nicht gesehen haben, in der Dunkelheit verschwunden ist, kann man ja vielleicht noch einsehen. Was passiert aber mit einer soliden Mauer, wenn das Licht ausgeht. Verschwindet sie auch? Sehen können wir sie jedenfalls nicht. Sie existiert für uns nur dann, wenn wir sie schon bei Licht gesehen haben und uns an sie erinnern oder wenn wir uns bewegen und gegen sie laufen.

Was ist nun konkreter, das Licht oder die Mauer? Das Licht ist eher ein Phänomen, die Mauer ein Objekt. Ohne Licht wird sie aber schnell zum reinen Begriff, also auch zu einer Art Phänomen. Daß es sich bei Licht besehen um eine Mauer handelt, können wir im übrigen auch nur feststellen, wenn wir den Begriff Mauer kennen und von seiner Bedeutung wissen, sowie durch Analogschluß mit unseren bisherigen Seherfahrungen sicher annehmen, daß es sich hier nicht um eine Fata Morgana d. h. Vorspiegelung einer Mauer durch das Licht handelt, sondern um die Übermittlung des Bildes einer real existierenden Mauer via Licht und Auge in unser Gehirn, wo es dann zum Begriff umgearbeitet wird, mit allen weitergehenden Folgen.

Man sieht an diesem kleinen Beispiel, daß Licht wohl das wichtigste Vehikel der Wahrnehmung ist. Wie auf einem Lichtstrahl kann ich hier weiterdenken. Von Wahrnehmen komme ich auch auf Für-Wahr-Nehmen, von da auf Glauben und Vertrauen und schon bin ich nicht mehr nur beim Sehen, sondern im (Bermuda-?) Dreieck von Denken, Fühlen und Wissen, also in der Welt des Geistes. Wenn wir uns dem Licht anvertrauen, verlieren wir durch so schön erkenntnistheoretisch klingende Sätze wie – glaube ich, was ich sehe oder sehe ich, was ich glaube, bzw., traue ich meinen Augen oder nicht – den Boden unter den Füßen und werden geradewegs ins Reich des Nichtwirklichen aber dennoch Existenten getragen. Hier ist das ‘Licht der Erlösung’ nicht weit und wir können lustig weiterfragen: Was halte ich eigentlich für wirklich und was ist unwirklich? Falls ich mich entschieden habe, ist dann das erstere wichtig und das zweite unwichtig oder umgekehrt oder kann das Unwirkliche für mich so wesentlich sein wie das Wirkliche? Ist mir das Licht selbst nur als kühler Übermittler alles Realen wichtig oder lasse ich mich von ihm verzaubern? Interessiert mich vielleicht etwas, das mir das Licht vorspiegelt mehr, als das, was es mir unbarmherzig aber wahrheitsgetreu vor Augen führt? Ist das Licht also eher ein physikalisches Phänomen, gut nutzbar zur Welterkennung oder der Schlüssel zum wahren Reich des Zaubers, wo Sein und Schein, Wissen und Glauben, Realität und Illusion nicht klar getrennt sind und manchmal sogar zusammenfallen.

Das Licht führt jeden, der es will, direkt in die Welt der Fantasie.

Es ist ein großer Zauberer. Reale Dinge kann es verschwinden oder zur Fiktion werden lassen und immateriellen Vorgängen zur scheinbar realen Existenz verhelfen. Es agiert höchst paradox. Viele Dinge oder Vorgänge, die in ihrer Erscheinungsform der des Lichts ähneln, verlieren in seiner Anwesenheit an Intensität und damit an Wirkung. Sie erholen sich erst wieder, wenn die Dämmerung hereinbricht.

Bei Licht besehen, verblassen unsere Träume.

Dies betrifft jedoch nicht nur positive Vorgänge wie Träume und Visionen, sondern auch so ambivalente wie Lichtbilder (Dias) und die Lightshow und so unangenehme wie unsere Ängste und Alpträume. Das Licht jongliert nicht nur mit unserer Wahrnehmung, sondern, mit Hilfe dieser, auch mit unseren Gefühlen. Entscheidend für Einschätzung und Wertung ist meist wie das Licht auf etwas fällt. In welchem Licht wir eine Person sehen, hängt vorallem heute, im Medienzeitalter, häufig mehr vom Licht, als von der Person ab.

Es gibt jedoch etwas, das den Bogen vom Licht zur Mauer schlägt. Das, obwohl Realität, gleichzeitig Illusion ist und das, obwohl real gewordenes Licht, doch nicht den eben beschriebenen paradoxen Prinzipien unterliegt.

Es sind die gemalten Bilder an der Wand, die einerseits erst mit Licht zur Wirkung kommen, aber andererseits durch keinen, noch so raffinierten Beleuchtungszauber eine Qualität erreichen können, die sie nicht schon auch im Dunkeln haben. Dies trifft natürlich auch auf viele andere, von Menschen in mehr oder weniger künstlerischer Absicht geschaffenen Bilder zu, ob sie nun gemalt, gespritzt, fotografiert oder sonstwie auf einem zweidimensionalen Bildträger gebracht wurden. Vielleicht hängen wir die Bilder deshalb so gern auf eine Wand (oder malen sie gleich direkt auf dieselbe), weil sie darauf ihr ambivalentes Wesen am besten entfalten können. Selbst aus Licht entstanden, denselben Prinzipien gehorchend, nur mit und durch Licht funktionierend werden sie doch gleichzeitig Teil der realen Wand, bzw. existieren als reales Objekt auf ihr. Ihre Realität wird manches mal so hoch eingeschätzt, daß sie teuerer sind, als die Wand oder gar das ganze Gebäude, in dem sie hängen. Sie können an der Wand wohl am besten ihr undurchsichtiges Wesen entfalten und mal mehr Wand, mal mehr Licht sein. Logischerweise funktioniert dieser Vorgang am besten an einer Wand, die eine solide Mauer ist und keine dünne Stell- also Schein-Wand.

Ob die Bilder auf der Wand nun konkret wie die Mauer oder illusionistisch wie das Licht sein müßen, ob realistisch oder konstruktivistisch, ist wohl eher eine Glaubensfrage. Wobei wir wieder beim Anfang dieses Textes wären.

Mich fasziniert sowohl das Licht, als auch die Mauer. Da ich Dogmatiker und Missionare hasse, werde ich immer ALLES im Auge und damit im Sinn behalten. Vom Licht-Bild bis zum Mauer-Stück ist für mich alles möglich.

Innerhalb dieser, mir offenstehender Möglichkeiten entscheide ich mich natürlich für die extreme und somit deutliche, möglichst sogar eindeutige Lösung. Dies jedoch auf Grund meiner souveränen Position, d. h. auf der Basis von Grundsätzen und Strukturen, die ich selbst aufgestellt habe und somit jederzeit wieder ändern kann, wenn ich, das Bild, das Licht, die Wand, der Raum, die Struktur oder sonstetwas dies - für mich einsichtig - verlangt.

Dies alles sollen die drei Worte und zwei Bindestriche sagen: LICHT-RAUM-STRUKTUR.

Lauf, im August 1994


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