TEXTE
Texte von Reuter
Zu meinen Bildern (1971)
Documenta-Raumobjekt (1977)
Zum Studium der Kunst (1990)
Zum Quadrat (1990)
Licht (1994)
Bilder im Museum (1995)
Von Hölderlin zu
Malewitsch (2004)
Über das Prinzip des Trompe l’oeil in meinen Bildern der 70ger Jahre


Ich wollte mit meinen Bildern nie etwas erreichen. Sie waren nie Mittel zu irgendeinem Zweck. Ich wollte mit ihnen weder die Welt verbessern, noch auf etwaige Mißstände hinweisen. Auch wollte ich keine Kunststückchen mit ihnen aufführen, um zum Beispiel die Augen der Betrachter zu täuschen.

Ich glaube jedoch, daß das zaubertrickartige Täuschen der Augen in einem barocken „Augentäuscherchen“ auch kein Selbstzweck war, sondern ein Mittel, um das Spiel zwischen Sein und Schein auch inhaltlich auf die Spitze zu treiben. Durch diese Technik kann der Maler seinen Bildgegenstand und dessen Inszenierung im Bild dermaßen real erscheinen lassen, daß beim Rezeptionsvorgang im Gehirn des Betrachters der Filter, der ihm normalerweise sagt: „dies ist ein Bild mit einem realistisch gemalten Gegenstand“, kurzfristig ausgeschaltet wird und er das Gefühl hat, der Gegenstand befände sich wirklich, also „echt“ im oder auf dem Bild. Er glaubt, den Inhalt der Bilder nicht nur geistig begreifen, sondern auch körperlich anfassen zu können. Der Maler bietet dem Betrachter also eine übergeordnete Realitätsebene an. Er darf, wie der ungläubige Thomas, die Wunde nicht nur sehen, sondern auch berühren. Tut er dies jedoch wirklich – was in den Studioli und Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts sicher häufig vorkam – so ist die Ver- und Bewunderung groß, wie der Maler es erreichen konnte, daß seine Wahrnehmung verwirrt und das „Für–Wahr–Halten“, kurzfristig außer Kraft gesetzt wurde.

Der ganze Vorgang ähnelt einem Zaubertrick, der einen im Wortsinn verzaubern kann. Die Gefahr dabei ist aber, daß sich dieser Trick gerne verselbständigt und das Bild dann als sinnentleertes, manieristisches Malkunststückchen daherkommt, was einen bestenfalls kurzfristig amüsiert.

Auch mich hat diese Art der Malerei, vor allem in jungen Jahren, sehr angezogen. Selbst heute noch bin ich von manchen Trompe l´oeil Arbeiten fasziniert. Von Meisterwerken nachhaltig und dauerhaft, von den technischen Kunststückchen eher oberflächlich und kurzfristig.

Obwohl der Raum in meinen Bildern von Anfang an eine große Rolle gespielt hat, habe ich lange gebraucht, bis ich darüber nachgedacht habe, was der Unterschied zwischen einem Trompe l´oeil Bild, also einem „Augentäuscherchen“ und einem Bild mit einem illusionistisch gemalten Raum ist. Wobei es für mich bei einem guten Bild nie wichtig war, , ob der gemalte Raum das Abbild eines in der Realität existierenden Raumes ist, oder ob er frei erfundenen wurde und nur so aussieht, als ob es ihn auch real geben könnte.

Ich glaube, daß der Effekt des Trompe-l´oeil nur bis zu einer begrenzten scheinräumlichen Tiefe funktioniert. Dieser vermeintlich „reale“ Tiefenbereich im Bild ist abhängig vom Wahrnehmungsapparat des Betrachters, der sehr unterschiedlich ausgebildet sein kann. Aus welchem Kulturbereich kommt er? Ist er ein oberflächlicher oder intensiver Betrachter? Läßt er sich gerne auf das Spiel zwischen Illusion und Realität ein, oder macht ihn dies unsicher? Hat es für ihn einen Wert oder ist es für ihn nur eine läppische Spielerei?

Bei mir funktioniert die Augentäuschung nur bis zu der Tiefe, die mein Gehirn, mit gutem Willen, dem Bild als mögliche, reale Tiefe zubilligt. Somit eignen sich besonders Fassaden mit Blendpfeilern und anderen Architekturteilen, die nicht zu weit vorspringen. Ein ganzer Raum, z.B. eine Kirche, eignet sich nicht so sehr, da sich das Gehirn, selbst beim besten Willen, keinen Kirchenraum, sei er auch noch so grandios gemalt, als „wirklich“ im Bild befindlich vorstellen kann. Das Gehirn kann sich den Raum, der auf dem Bild dargestellt ist, anhand des Bildes vorstellen, aber es kann nicht das Bild für den Raum selbst halten.

Man kann das gut mit zwei beliebten Bildtypen der Niederländischen Malerei beschreiben. Eines der beliebtesten Motive der klassischen Augentäuschungsmalerei war das „Steckbrett“, ein an der Wand angebrachtes Holzbrett an das Lederbänder so angenagelt wurden, daß man alles mögliche, wie z.B. Briefe, Notizzettel, Schere, Brille und Kamm zwischen Brett und Lederband stecken und damit sichtbar aufbewahren konnte (1). Eines der beliebtesten Motive der illusionistischen Raummalerei war das lichtdurchflutete Kirchenschiff, das durch tendenziell sehr klein gemalte Besucher eine überdimensionierte Raumgröße erhielt (2).

Die Differenz zwischen der Wahrnehmung eines realen und eines gemalten Steckbretts war logischerweise deutlich kleiner als die zwischen einem realen Kirchenschiff und einem gemalten. Hinzu kam, daß sich die Personen in der realen Kirche bewegten, im Bild jedoch nicht. Beim Steckbrett bewegte sich weder hier noch dort etwas. Es ist also klar, wo das „Für-Echt-Halten“ leichter gefallen ist.
Es gab und gibt aber Möglichkeiten, die Tiefe für das Trompe l’oeil zu verlängern und die Augentäuschung an ihren Grenzen unmerklich in eine illusionistische Raummalerei übergehen zu lassen.
Im Spätbarock wurden wahre Wunderwerke erschaffen, indem z.B. Cosmas Damian Asam und sein Bruder Egid Quirin ein Verwirrspiel mit Malerei und Bildhauerei betrieben. Im Himmel schwebende Figuren hatten reale Beine aus bemaltem Stuck, die aus der Decke herausragten. Kordeln, Vorhänge, Waffen, Wolken, Bäume und viele Dekorationselemente wurden teils gemalt, teils mit Gips plastisch ausgeführt.

Auch ich habe mich schon 1970 in dem Bildobjekt PLATTENKASTEN (3) mit genau diesem Phänomen beschäftigt. In die mit Fliesen (15 x 15 cm.) belegte Frontfläche war eine reale Nische eingeschnitten, die zwei Fliesenreihen tief war. In diesen Ausschnitt wurde eine Leinwand eingefügt auf der dieser Einbruch sieben Fliesenreihen weitergemalt wurde, wodurch die ebenfalls gemalte Rückfläche der Nische nun neun Fliesenreihen hinter der Frontfläche des Bildobjekts lag. Durch die Übernahme der realen Fliesenmaße wurde damit die Tiefe der Nische mit 135 cm. definiert. Dieser „Illusionstiefe“ standen in der „Wirklichkeit“ jedoch nur 30 cm reale Tiefe gegenüber.

Die größte Arbeit, bei der die angesprochenen Phänomene eine wichtige Rolle spielten, realisierte ich 1977 auf der Documenta 6 in Kassel. Das „Documenta-Raum-Objekt“ (4) bestand aus einem 14 Meter langen gebogenen Raum, der vollständig hellblau gefliest war. An seinem Ende war ein großes Bild eingefügt, das den Raum als Illusion weiterführte. Den Übergang bildete eine ebenfalls geflieste Treppe, bei der vier Stufen „echt“ und zehn gemalt waren. Der unmerkliche Übergang von der Realität in die Illusion wurde für den Betrachter vor allem dadurch erleichtert, daß er beim Betrachten des Bildes schon in dem Raum stand, der vor allem durch die präzise Fortführung des Fliesenrasters übergangslos im gemalten Bild fortgesetzt wurde. Besonders wichtig war aber die Treppe, die teils real, teils gemalt, so gut funktionierte, daß die Veranstalter eine Absperrung mit einer Kordel vornehmen mußten, da manche Besucher versuchten, über die realen Treppenstufen in das Bild hineinzulaufen. (Soviel zu dem eingangs erwähnten, völlig unterschiedlich ausgebildeten, Wahrnehmungsapparat!).

Es hagelte damals viel Kritik für meine angeblich „unmoderne“ und „rückgewandte“ Arbeiten. Sie wurden für altmodische Trompe l´oeil – Kunststückchen gehalten, vor allem aber für Abbildungen vorhandener Räume, d.h. für gegenständliche oder realistische Bilder, die zur damaligen Zeit vom Großteil der Kritiker nicht besonders geschätzt wurden.. Ich halte solche Einordnungsversuche damals wie heute für ziemlich unsinnig, da sie meistens nur dazu dienen, bereits aus anderen Gründen gefaßte Werturteile zu untermauern.

Mich interessiert das von meinem gemalten Bild ausgelöste Bild im Gehirn des Betrachters. Ob das gemalte Bild wiederum ein Abbild der Realität ist, oder reine Fiktion, ist für die Qualität des Bildes im Kopf des Rezipienten unerheblich. Daß ein Bild gegenständlich, realistisch, abstrakt, oder sonstwas ist, entscheidet auch nicht über seine Qualität als Kunstwerk. Dies entscheidet sich für mich letztendlich im Wettbewerb der Bilder im Kopf des Betrachters. Ordnet er dort das Abbild eines meiner Bilder neben einem Sonnenuntergang ein, bin ich zufrieden.


Lauf im April 2012


(1) Beispiel: Samuel van Hoogstraten, Steckbrett, 1666/78, Öl/Lwd., 63 x 79 cm,
      Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle.   Link zum Bild (extern, neuer Tab)

(2) Beispiel: Gerard Houckgeest, Das Grabmal Prinz Wilhelm I. in der Nieuwe Kerk zu Delft,
      1650, Öl/Holz, 125,7 x 89 cm, Hamburg, Kunsthalle.   Link zum Bild (extern, neuer Tab)

(3) Abbildung unter: www.hans-peter-reuter.de - Arbeiten/Malerei/1960 – 1970/10. Abbildung
      Link zum Bild (neuer Tab)

(4) Abbildung unter: www.hans-peter-reuter.de - Arbeiten/Raumbezogene Arbeiten/Temporäre
      Installationen/2. Abbildung. – Link zum Bild (neuer Tab)
      Weiterer Text unter: www.hans-peter-reuter.de - Texte/Texte von Reuter/
      Documenta-Raum-Objekt 1977. – Link zum Text (neuer Tab)



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