Impressum    Datenschutzerklärung
TEXTE
Interviews mit Reuter
Öffentlich Stellung beziehen
Interview mit Karlheinz Schmid zum Thema Akademie im Dezember 1998



Frage: Freie Malerei und Kunsterziehung in einer Klasse – wie geht das? Sind die Interessen und Voraussetzungen, zwangsläufig, nicht anderer Art? Kann das gleiche Lehrprogramm für Studenten beider Studien-Richtungen tatsächlich geboten werden?

Hans Peter Reuter: Für mich gibt es in der Kunst keine Lehre, die ich, wie z. B. der Papst, ex cathedra verkünden könnte. Ich kann nur zusammen mit meiner Klasse einen Freiraum, eine Atmosphäre schaffen, in der sich Kunst entwickeln kann. Das Ziel kann nichts anderes als die Kunst selbst sein, somit gibt es keine zwei Richtungen und keinen Unterschied zwischen ihnen. Es gibt neben der (Freien!?) Kunst auch keine Kunsterzieher-Kunst, genausowenig wie es ein bißchen Kunst gibt. Ad Reinhardt hat schon recht, wenn er sagt, "Kunst ist Kunst, und alles andere ist alles andere". Folglich lege ich bei den „Kunsterziehern“ genau die gleichen Kriterien an, wie bei den sogenannten „Freien“. Dies, weil ich, erstens, keine anderen Kriterien kenne und, zweitens, weil ich glaube, daß nur ein guter Künstler die Kunst adäquat weitergeben und dafür Begeisterung wecken kann. Als Zusatzanforderungen werden an den späteren Kunsterzieher noch Denken und Sprechen über die Kunst gestellt. Außerdem können Vermittlungstechniken kennengelernt und selbst erprobt werden. Alles Dinge, die einem „Freien“ Künstler auch nicht schaden würden. In der heutigen, sogenannten Neumedialen Gesellschaft müßte eigentlich dem Kunsterzieher die bedeutendste Funktion in der Schule zukommen. Die Dominanz der Bilder über das Wort ist offensichtlich. Bilder sind supranational und müssen nicht in fremde Sprachen übersetzt werden (Dies ist einer der Gründe für den Erfolg von Video- und Computerspielen in Deutschland, obwohl sie von fernöstlichen Firmen wie Nintendo oder Sega produziert werden). Fast alle Lehrer sind verbal ausgebildet und daher optische Analphabeten. Da auch der Unterricht fast ganz auf das Wort ausgerichtet ist, ist Bildkompetenz absolute Mangelware, obwohl die Bilder (Fernsehen, Videos, Computerspiele usw.) inzwischen einen Großteil der Erziehung übernommen haben. Bildkompetenz bekommt man jedoch nicht vom Hörensagen, man erwirbt sie auch nicht allein durch ausgiebiges Ansehen von Bildern. Man muß dafür schon selbst Bilder erfinden können. Folglich muß jeder in meiner Klase die Suche nach der Kunst, die Suche nach der Bilderfindung existentiell durchleben. Eine Halbierung des Anspruches für Kunsterzieher wäre völlig unsinnig. Nebenbei machen viele zwar das erste Staatsexamen, gehen dann aber keineswegs in die Schule, sondern geradewegs in die frei Wildbahn. Was sollte diese mit ein bißchen Kunsterzieher-Kunst anfangen?

Frage: Die Reuter-Klase scheint mit etwa 50 eingeschriebenen Studentinnen und Studenten wohl die größte Klasse der Nürnberger Akademie zu sein. Gibt’s für diesen Zulauf eine Erklärung? Wo steckt das Geheimnis der Reuter Lehre?

Hans Peter Reuter: Kein Geheimnis! (Vielleicht verhindert meine soziale Ader, die ich manchmal nicht bändigen kann, den einen oder anderen bei der Aufnahme abzulehnen, obwohl diese Haltung in der Kunst nichts verloren hat.) Künstler kann man letztendlich auch ohne Akademie werden, Kunsterzieher jedoch nicht! Wenn ich also Studienbewerber habe, deren künstlerische Äußerungen (Mappe) ich für sehr gut bzw. äußerst hoffnungsvoll erachte, und wenn diese dann noch in der mündlichen Aufnahmeprüfung intelligent und engagiert für eine pädagogische Komponente in ihrer künstlerischen Lebensplanung eintreten, so würde ich bei einer Ablehnung beinahe ein Berufsverbot aussprechen, da es in Bayern (für Kunsterzieher am Gymnasium) nur zwei Ausbildungsmöglichkeiten, die Aka Nürnberg und Aka München, gibt. Obwohl ich meine Studenten immer wieder ermuntere, ins Ausland zu gehen, die Akademie, zumindest aber wenigstens einmal im Studium die Klasse zu wechseln, kommen mehr als gehen. Bequemlichkeit der Studenten? Qualität meines Unterrichts? Ist mir eigentlich egal. Ich hatte bis jetzt keine Probleme mit einer so großen Klasse.

Frage: Laut Studienführer wird in der Reuter-Klasse nicht nur über die Ausdehnung der Malerei in schein- und realräumliche Bereiche nachgedacht. Neben der Eroberung der dritten Dimension mit den Mitteln der zweiten, so scheint es, geht’s um gegensätzlichste Themen wie Aktzeichnen und Kunstbetrieb. Lehre also auf der Basis eines erweiterten Kunst- und Kunstvermittlungsbegriffes? Wie läßt sich dieses beachtliche Spektrum bewältigen?

Hans Peter Reuter: Niemand weiß im voraus, welche Ansprüche an den Studenten nach der Akademie wirklich gestellt werden. Dies hängt von extrem vielen unterschiedlichen Faktoren und Zufällen ab. Man müßte den Studenten also alles, was man weiß, vermitteln, und dies wäre dann sicher immer noch zu wenig. Also versuche ich, anhand eigener Erlebnisse, Beispiele für Möglichkeiten zu geben, sich der Kunst zu nähern. Ich bin vom Studium her (A. v. Haucke, F. Nagel, E. Schumacher) eigentlich ein reiner Figurenmaler. Obwohl man in meiner derzeitigen Arbeit nichts mehr davon sieht, glaube ich immer noch, daß fast alle Probleme des Studiums am Akt beispielhaft gezeigt und bearbeitet werden können. Eher formale Fragen wie Strich, Fläche, Komposition, Struktur, Textur ebenso wie die eher den Inhalt betreffenden Fragen, Ähnlichkeit (Abbild) oder Veränderung, Erotik und gesellschaftliche Relevanz. Man kann die Architektur genauso wie die Mechanik am Körper erläutern. Nicht umsonst ist das Aktzeichnen das einzige „Fach“, das uns, mit gutem Grund, von der Akademie des 19. Jahrhunderts geblieben ist. Ich halte also hier eine Tradition bewußt aufrecht, weil ich sie sinnvoll finde. Auf der anderen Seite kann ich mir einen heutigen Künstler auch nicht ohne eine bedeutende strategische Komponente vorstellen, die sowohl die Entwicklng seiner eigenen Arbeit als auch sein Verhalten im Kunstmarkt betrifft. Hier kann ich ebenfalls anhand eigener Erfahrungen in dem an sich äußerst fließendem Feld einige klare Aussagen machen. Beispiele: Die eigene Arbeit sollte von Kunstmarktüberlegungen freigehalten werden. Je besser man die Usancen im Kunstmarkt kennt, um so besser kann man damit umgehen und sie für sich selbst bewerten. Wie in der Kunst selbst, ist es auch im Kunstmarkt das Beste, sich über die eigenen Stärken und Schwächen klar zu werden, sie zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. Wenn jemand zaudernd und ängstlich ist, soll er nicht im Kunstmarkt den großen Maxe raushängen! Es gibt auch subtilere Wege! Wenn jemand ein genialer Schweiger ist, sollte er nicht plötzlich zum Schwätzer werden! Usw., usw. Bei dieser Anekdoten-Methode ist jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, daß dies eine Geschichte aus meinem Leben ist und dies folglich nur ein Beispiel für unendlich viele andere ebenfalls mögliche Versionen sein kann. Es kommt eben auch im Kunstmarkt, wie in der Kunst selbst, einfach darauf an, wer was unter welchen Bedingungen wann tut. Sicher ist eine überzeugende Kunstproduktion der beste Einstieg in den Markt. Es geht aber auch nichts über eine hohe Frustrationstoleranz, einen unbändigen Willen und einen langen Atem.



nach oben                                                                                                           Weiterlesen in Teil 2    >

Gespräch mit Michael
Schwarz, 1975
Fragen von
Rainer Beck, 1988
Fragen von
Uwe Kolbe, 1989
Gespräch mit Hans-Ulrich
Obrist, 1994
Fragen von Karlheinz
Schmid, 1998