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TEXTE
Interviews mit Reuter

Wer nach dem Blau fragt, der meint das ganze Leben.
Fragen von Uwe Kolbe an Hans Peter Reuter, Heidelberg Dezember 1989



Welche Bedeutung hat für Sie die Farbe Blau?

Die Farbe Blau scheint bei mir keine außergewöhnliche, sondern eine eher selbstverständliche Bedeutung zu haben. Wenn ich „Blau“ denke, fühle ich mich wohl. Im Gegensatz zu allen anderen Farben habe ich dabei keine besondere Assoziation oder Empfindung. Durch diese erfreuliche Neutralität ist der blaue Raum von mir erfüllbar, während der rote mir keinen Freiraum läßt. Ich denke gerne Blau. Als Farbe mag ich Blau nur in Bildern und in der „natürlichen“ Erscheinungsform als Himmel, Wasser oder Farbe der Blumen. Ein blau gestrichenes Haus gefällt mir hingegen überhaupt nicht. Dafür ist Blau wahrscheinlich zu transzendent. In meinen Bildern tauchte die Farbe Blau vor etwa 20 Jahren auf, nachdem ich anfänglich nur mit warmen Tönen wie Rot, Braun und Gelb malen konnte und erst langsam über Grün zum Blau kam. Einige Jahre hatte ich es einfach, ich brauchte mir nur Preußischblau, Titanweiß und Schwarz (für die Fugen!) zu kaufen, mehr kam nicht vor. Danach weitete sich meine „Blau-Palette“. Durch Mischungen aus Heliogen-, Kobalt-, Ultramarin- und Coelinblau sowie Schwarz und Karminrot tastete ich mich langsam an die Grenzen von Blau heran und malte in der Folge fast graue, fast schwarze und seit Rom fast weiße Bilder.
Erst in den letzten Jahren reizte es mich, Blau nicht nur auf seine Grenzen zu den angrenzenden Farben bzw. Nichtfarben (Schwarz/Weiß) zu untersuchen, sondern es auch bis an seine eigene Grenze (das blaueste Blau) heranzutreiben. Somit beginne ich erst jetzt, nach 20 Jahren Beschäftigung mit Blau, meine blauesten Bilder zu malen.
Warum male ich seit 20 Jahren „blaue Räume“ bzw. blaue Bilder? Ich weiß es nicht und will es auch nicht so genau wissen! Es ist sicher etwas, das in der Gedichtzeile „Stille wohnt in blauen Räumen“ (Georg Trakl, „In den Nachmittag geflüstert“) anklingt.
Blau ist immer noch Blau, wenn Schwarz längst zu Grau, Rot zu Rosa, Gelb zu Orange oder Grün geworden ist. Blau wird landläufig als kalte Farbe bezeichnet. Ich halte sie eher für neutral. Es gibt Blaus, die kühl anmuten, aber auch ausgesprochen warme Blaus. Blau kann sich im Farbraum des Bildes frei bewegen, sowohl in die Ferne entschwindend, als auch energiereich nach vorne drängen. Blau ist für mich eine geistige Farbe.
Während Blau in dem Begriff „Blaue Blume der Romantik“ die geistige Energie der Empfindung im transzendentalen Sinne symbolisiert, scheint mir Rot im Begriff „Rotlicht-Bezirk“ die ganz diesseitige körperliche Sexualität zu repräsentieren. (Eigentlich verwunderlich, warum Kardinäle nicht blau gewandet sind.)
Da also für mich die Farbe Blau die Farbe des Geistes, der Seele und des Jenseits ist, Rot dagegen die Farbe des Körpers und des Diesseits, verwundert es vielleicht nicht, daß meine Bilder, die zwar Realitäten sind, aber von Gefühlen und Unwirklichem handeln, blau und nicht rot sind.

An welche künstlerische Arbeit oder an welchen Künstler denken Sie, wenn der Begriff „Blau“ fällt?

Bei „Blau“ fällt mir als erstes ein Bild von Bronzino in der National Gallery in London ein, das ich 1960 dort gesehen habe und das seither bei mir ein idealisiertes Eigenleben führt (sicher ein Grund, weshalb ich nie nach einer Abbildung gesucht habe und auch nicht versucht habe, es wiederzusehen.) In meiner Erinnerung ist es eine porzellanweiße Frau mit einem Putto (Amor, Junge?) und einem alten Mann im Bildhintergrund auf einem knallblauen Tuch, das in meiner Vorstellung fast das ganze Bild einnimmt. Das hat mich damals sehr fasziniert, ähnlich wie später das Bildnis der Eleonora von Toledo, ebenfalls von Bronzino in den Uffizien. Desweiteren fällt mir bei „Blau“ Hans Baldung Grien, Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich, Dominique Ingres, Emil Schumacher und natürlich Yves Klein ein.
Außerhalb der Malerei fallen mir reihenweise Gedichte mit „blau“ ein, darunter viele von Trakl, der das Wort Blau anscheinend besonders häufig verwendet hat. Zwei Beispiele: Das schon erwähnte „Stille wohnt in blauen Räumen / einen langen Nachmittag“ von Georg Trakl und Georg Heyms „Träumerei in Hellblau“ mit den Verszeilen „Alle Landschaften haben / sich mit Blau gefüllt . . .“ und „blaue Länder der Wolken / Weiße Segel dicht,...“. Georg Heym kam z. B. auf ganz seltsame Blauverbindungen wie: „am Ufer des blauen Tags...“, „wie blauer Wein kommt aus gestürzter Urne . . .“ oder „Über runder Mauern blauem Flammenschwall...“

Das Ihrer Meinung nach „blaueste“ Blau?

Das blaueste Blau ist für mich ein dunkles Ultramarin, Kobalt kommt ihm nur in der gebrannten Form auf Porzellan nahe.

Die ihnen wichtigste Arbeit mit Bezug zum Thema Blau?

Im historischen Bereich sind das die schon erwähnten Bilder von Bronzino mit ihrem eigenartigen Kontrast zwischen porzellan-weißer Haut der Frauen und dem strahlenden Blau des Hintergrundes. In der Neuzeit die Bilder von Yves Klein, sowohl die reinen Flächen, als auch die Schwammreliefs.


Veröffentlicht im Band II (Textband) der Ausstellung „BLAU – die Farbe der Ferne“, Heidelberger Kunstverein März/April 1990



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