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Interviews mit Reuter
Gespräch zwischen Michael Schwarz und Hans Peter Reuter am 17. November 1975.


Schwarz: Herr Reuter, Ihre Bilder tragen zum größten Teil Titel wie Stadtbad ohne Ding, Duschraum ohne Ding und Badehalle ohne Ding. Gab es in Ihren früheren Arbeiten Dinge, wenn ja, wie sahen sie aus, wann und warum haben Sie sie weggelassen?

Reuter: Also erst mal zu korrekten Bezeichnung. Das Ding heißt eigentlich Dinger. Wenn jedoch irgend etwas über meine Arbeiten geschrieben wurde, war grundsätzlich nur vom Ding die Rede, weil jeder dachte, Dinger wäre ein Schreibfehler. Mit der Zeit habe ich es dann aufgegeben, dagegen anzukämpfen und so wurde eben auch für mich notgedrungen aus dem Dinger ein Ding. Das ursprüngliche Wort kommt aus dem Karlsruher Dialekt und meint einen verschrobenen Menschen, der außerhalb der Normen steht. Das ist dann ein komischer Dinger, wobei Singular und Plural gleich sind. Meine Dinger waren rote Gebilde, die man als Mischung zwischen Baum, Mensch und Blume bezeichnen könnte. Sie waren organische Wesen mit einem Stamm und vielen Ästen, die sehr weich waren und sich wie Fühler durch den Raum schwingen konnten. In den damals schon existierenden Badehallen brachen sie meistens durch die Bodenplatten, wuchsen nach oben und schlängelten sich durch den kalten Raum, um ihn zu ertasten. Diese Bilder, bei denen noch beides da war, sowohl das gekachelte Bad als Umraum als auch der Dinger als lebendiges Wesen, hatten dann Titel wie: Stadtbild mit Dinger Nr. 30 oder einfach Dinger Nr. 10, 11, 12 usw. Nachdem diese Dinger mit der Zeit immer kleiner, dünner und blasser wurden, verschwanden sie eines Tages ganz aus meinen Räumen. Diese nenne ich jetzt nach den Dingern, die drin sein könnten. Vielleicht kommen sie ja auch eines Tages wieder.

Schwarz: Wann gingen die Dinger aus den Bildern heraus und wann wurden es Räume ohne Dinger?

Reuter: Das war ungefähr um 1970.

Schwarz: Ihre Bilder zeigen Idealräume, Räume, die es in dieser Weise nicht gibt. Frage, wie entwickeln Sie einen solchen Raum, machen Sie vorher Skizzen und wenn ja, wie geht es dann weiter? Wie entstehen eigentlich die Bilder?

Reuter: Der eine Weg ist der, daß ich mich hinsetze und ganz locker, ohne direkte Absicht die Hand laufen lasse, also völlig intuitiv anfange, irgendwelche Räume zu erfinden. Ich gehe dabei meist von einem ganz einfachen kubischen Raum aus. Darin entsteht dann z. B. eine zusätzliche Ecke, ein Schacht, der nach unten oder oben geht, eine Treppe oder größere Absätze. Dabei vermeide ich es, von vornherein irgend ein bestimmtes Ziel anzusteuern. An irgend einer Stelle beginnt dann meistens bei mir ein anfänglich eher unbestimmtes Interesse wach zu werden. Nun versuche ich, in dieser Richtung ein bißchen weiterzuarbeiten, alles etwas zu konkretisieren. Ich überlege mir den Lichteinfall, welche Konsequenzen er hat, wo scharfe Schatten, wo diffuses Licht entsteht usw. Meistens ist die erste Zeichnung dann schon so durcheinander und unklar, daß ich selbst nichts mehr sehe und darauf beginne, einen zweiten Anlauf in einer Wiederholung der ersten Zeichnung zu nehmen, die dann sowieso ein bißchen anders wird. Sie ist jedoch meistens schon so weit geklärt, daß es dann auf den Grad meines Interesses an der jeweiligen Raumerfindung ankommt, ob ich noch eine relativ ausgeführte Zeichnung dazwischenschalte oder direket auf das große Bild überspringe. Wobei ich mich dann schon sehr anstrengen muß, die doch noch etwas im Diffusen liegende Raumkonzeption wirklich auf den Millimeter genau durchzurechnen, um zu verhindern, daß die Fliesen nicht auf einer Seite des Raumes plötzlich halbiert werden müssen. Das ist dann irgendwo fast schon wieder eine Art Ehrgeiz, daß alles genau klappt. Der zweite Weg, wie ich manchmal zu einer neuen Konzeption komme, beginnt damit, daß ich mir meine bisherigen Bilder und Zeichnungen anschaue und in Gedanken in den Räumen herumlaufe. Dabei überlege ich, was könnte da noch kommen, was gibt es hinter dieser Ecke noch zu sehen, wie würde sich der Raum verändern, wenn ich z. B. diese Treppe wegnehme und dafür einen tiefen Schacht hinsetze? Plötzlich ergibt sich dann eine Möglichkeit zu einem Ansatz, der mich weiterführt.

Schwarz: Gibt es bei Ihnen auch bildmäßige Zeichnungen, bildmäßig würde ich Zeichnungen nennen, die abgeschlossen sind, also nicht die Zeichnung als Durchgangsstadium zum Bild, sondern als selbstwertiges Bild. Kann es da sein, daß diese Zeichnungen möglicherweise aus einem früheren Bild entwickelt werden?

Reuter: Also früher – so um 1972/73 – hatte ich mal einen richtigen Ehrgeiz, alles möglichst systematisch zu machen: 1. eine emotionale Skizze, 2. eine geklärte Vorzeichnung; 3. eine voll ausgeführte maßstabsgetreue Zeichnung und 4. das Bild. Wobei dann diese maßstabsgetreue Vorzeichnung eine vollständig eigenständige Arbeit war. Bei dieser Methode strapaziert man jedoch seine Geduld und nimmt sich dann doch einen Teil des eigenen Interesses am Vervollständigungspro-zeß. Daher springe ich inzwischen von der ersten, emotionalen Skizze, ohne Netz, direkt zum Bild über. Eine selbständige Zeichnung neben einem gleichen oder ähnlichen Bild entsteht nur noch, wenn ich glaube, daß durch die Ausführung mit eher filigranhaften Strichen und hellerem Blau der gleiche Raum einen anderen Effekt oder ein anderes psychologisches Ergebnis hat wie als Bild, das einem mit seiner geschlossenen Oberfläche und dem kräftigen Blau doch mehr anspringt. Wenn ich aber als erstes eine fertig ausgeführte Zeichnung habe, dann mache ich eigentlich kein Bild mehr daraus, weil mich das einfach nicht mehr so interessiert. Es sei denn, ich ändere etwas in der Farbe oder im Lichteinfall, aber dann ergibt sich ja wieder eine neue Wirkung.

Schwarz: Ihre Raumkonstruktionen sind in den Jahren immer komplizierter geworden ...

Reuter: Darf ich mal kurz unterbrechen. Ich glaube, ich sollte doch noch etwas zum Entstehungsprozeß der Bilder sagen. Also wenn ich mit dem Bild anfange, so baue ich die Räume wirklich. Ich setze also nicht irgendwo eine Wand oder eine Kuppel hin, sondern überlege mir auch, welche statischen Folgen das hat. Danach versuche ich, mir eine, das Raumgefüge unterstützende Lichtführung vorzustellen und die Helligkeitsabläufe, die sich daraus ergeben. Ich male jede Platte einzeln und verfuge sie zum Schluß wie in der Realität mit dem entsprechenden Grau. Diese Blau- bzw. die dazugehörenden Grauabläufe sind natürlich sehr schwer zu beherrschen und gleiten mir auch dauernd aus der Hand. So gibt es in meinen Bildern viele objektive Fehler, die der normale Betrachter zwar nicht wahrnimmt, weil sie zu klein im Verhältnis zur Gesamtheit sind, die aber dazu führen, daß das Bild für ihn lebendiger, bearbeiteter aussieht, als wenn die totale Perfektion erreicht wäre.

Schwarz: Hier könnte ich einige statistische Sachen fragen: Die größeren Bilder, die so um 1972 liegen, haben ja sehr viele Kacheln, wieviel sind es ungefähr?

Reuter: Manchmal, wenn ich etwas müde bin und eine Pause mache, dann mache ich mir echt den Spaß und zähle sie. Das geht relativ leicht und dann komme ich auf bis zu 6000 Platten, das ist dann aber auch die Höchstzahl.


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